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„Die DDR – die friedliche Revolution“- Zeitzeuge Rainer Eppelmann sprach vor Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Sulingen

„Dichte dran – an den Schülerinnen und Schülern“ wollte Rainer Eppelmann sein; ähnlich „dichte dran“ wie Ende der 80-Er am Sturz der SED-Diktatur in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Der einstige DDR-Oppositionelle war Gast am Gymnasium Sulingen. Eppelmann sprach vor 370 Schülerinnen und Schülern. Das Thema: „Die DDR – die friedliche Revolution.“ Der Berliner kam nach eigenen Angaben „ganz eigennützig“ nach Sulingen: „Wir sind gerade dabei, wieder gespalten zu werden – in die Gruppe derjenigen, die dabei gewesen sind, und die Gruppe derer, die 1989 noch nicht geboren waren.“

Die Botschaft, die Eppelmann, Minister für Abrüstung und Verteidigung in der letzten DDR-Regierung, den Schülerinnen und Schülern mit auf den Weg gab, war glasklar: „Nie wieder Diktatur...“

Eppelmann weiß, wovon er spricht. Er besuchte ein Gymnasium im Westen Berlins. Wegen Nicht-Mitgliedschaft in der FDJ war es ihm in der DDR nicht möglich, Abitur zu machen. Er arbeitete zunächst als Dachdeckergehilfe, absolvierte später eine Facharbeiterausbildung zum Maurer. Eppelmann verweigerte 1966 den Dienst an der Waffe. Wegen Befehlsverweigerung wurde er zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Rainer Eppelmann studierte später Theologie. „Kirche hatte einen wesentlichen Anteil an der ‚friedlichen Revolution‘“, sagt er heute. „Die Versammlungsverordnung ließ außer den von der SED kontrollierten Versammlungen nur Gottesdienste zu. Wir sagten damals: Unsere Gottesdienste gestalten wir immer noch selbst.“ Der 68-Jährige nahm die Oberstufenschülerinnen und -schüler mit auf eine Reise durch die Zeitgeschichte, begann 1961 mit dem Bau des „antifaschistischen Schutzwalls“: „Man nahm uns mit dem Mauerbau nicht nur die Reisefreiheit, sondern gab uns auch das Gefühl, ‚ich darf nicht‘.“ Allein von 1953, nach Bekanntwerden der ersten Überlegungen der SED-Führung, die Grenze zu West-Berlin abzuriegeln, bis 1961 haben 2,23 Millionen DDR-Bürger ihre Heimat verlassen – „nicht nur Besitztümer, sondern auch Freunde und Verwandte“. Von 1945 bis 1989 sollen es an die vier Millionen gewesen sein. „Die DDR wurde zu einem riesengroßen Gefängnis.“

Die Insassen hätten nie nachgelassen „über West-Fernsehen“ in die Wohnzimmer der Bundesrepublik zu schauen. Trotz straff organisierter Propaganda-Maschinerie des SED-Regimes. „Etwa 22 Prozent aller Erwachsenen in der DDR waren SED-Mitglieder“, rechnete der Pastor vor. Eppelmann erinnerte an die Machenschaften der Staatssicherheit, gab sich allerdings auch verblüfft, als nur zwei Hände voll Gymnasiasten die Arme hoben, als er fragte, wer wisse, wer Erich Mielke sei. Der 68-Jährige übte Gesellschaftsschelte: „Was haben wir Zeitzeugen getan, damit sich ältere und neuere Generationen mit der jüngeren Zeitgeschichte beschäftigen?“ Rainer Eppelmann ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung „Aufarbeitung der SED-Diktatur“. Seine Motivation? „Wenn ein Drittel der Wähler nicht den Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur kennen, nur ihre eigenen Interessen in den Vordergrund stellen, dann sind Wahlergebnisse wie 1933 durchaus wieder denkbar.“ Es war still im Stadttheater, als Rainer Eppelmann gut 60 Minuten lang über das Leben in der Deutschen Demokratischen Republik berichtete. Ute Lüßmann, Leiterin des Gymnasiums: „Bespitzelung, Massenproteste, der Sturz Erich Honeckers, der Mauerfall – den Lehrkräften ist das noch geläufig, für unsere Schülerinnen und Schüler klingt das alles nach Geschichte.“ Geschichte, die man anhand von Karikaturen, Dokumentationen und Filmen aufgearbeitet habe. „Was fehlte, war ein Zeitzeuge...“

 

aus der Sulinger Kreiszeitung vom 19.01.2011

Verfasser: Timpke