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„Das beste Jahr meines Lebens“ - Nicolas Fritzensmeier kehrt tief beeindruckt aus Taiwan zurück

Die USA oder Europa kamen für ihn nicht in Frage, „das war mir zu einfach“, schmunzelt Nicolas Fritzensmeier: Im Rahmen des Austauschprogramms des Rotary-Clubs verbrachte er nach der zehnten Klasse am Gymnasium Sulingen ein Auslandsjahr in Taiwan. Vor wenigen Tagen kehrte der 17-jährige Sulinger zurück – für ihn ist klar: „Da muss ich unbedingt wieder hin, es hat sich absolut gelohnt.“

Nicolas wohnte direkt in der Millionenstadt Taipeh, Hauptstadt der Insel vor dem chinesischen Festland im West-Pazifik, bei zwei Gastfamilien. Besonders gern erinnert er sich an die erste Familie Chan, „sie hat mich herzlich aufgenommen, oft zu Ausflügen mitgenommen.“ Und ihm zu einem hartnäckigen Spitznamen verholfen: Aus Nicolas wurde Li-Kele („e“ wird „ö“ ausgesprochen) – „das bedeutet Cola. Den Namen konnten alle behalten...“ Regen Austausch gab es mit rund 250 Austauschschülern aus aller Welt, Freundschaften entwickelten sich, „es wurde nie langweilig. Die gleichaltrigen Taiwanesen wirken noch eher kindlich – holen das aber später auf, wir haben einige Studenten kennen gelernt, mit denen sind wir ausgegangen.“ 

Ein kleiner Chinesischkurs im Vorfeld hatte Nicolas kaum auf die Sprache vorbereitet, mit der er sich vor Ort langsam vertraut machte. „Im Unterricht habe ich anfangs so gut wie nichts verstanden.“ Gewöhnungsbedürftig auch die Schuluniform, „das hässlichste Outfit, dass ich je gesehen habe.“ Spaß hatte Nicolas an einem wöchentlichen Backkurs und immer montags richtete der örtliche Rotary-District eine „Culture-Class“ an der Universität aus: „Da haben wir zum Beispiel Kaligraphie und die chinesische Oper kennen gelernt.“  Besonders beeindruckend fand Nicolas einen viertägigen Trip an die Ostküste: „Dort liegt die Taroko-Schlucht, die dem Grand Canyon ähnelt – nur kleiner, und die Felsen sind grau. Der Ort hat sich am meisten in mein Gedächtnis eingebrannt.“ Direkt neidisch seien die Einheimischen auf einen Ausflug zur Insel Mazu gewesen, „sie ist erst seit wenigen Jahren für die Öffentlichkeit zugänglich, war ein Militärstützpunkt, und hat viel unberührte Natur zu bieten.“ 

Auch von der Metropole Taipeh selbst, die vom „Taipei 101“, bis 2007 der höchste Wolkenkratzer der Welt, überragt wird, unzählige Tempel birgt, unter eine Smogglocke liegt und doch so viel Natur in direkter Nachbarschaft hat, war Nicolas fasziniert. „Etwa von den Nachtmärkten, davon gibt es ungefähr 20, manche zum Beispiel für Kleidung, andere für das Essen berühmt.“ Apropos Essen: Neben vielen Früchten und Gemüse stehen auch Spezialitäten wie Entenblutkuchen und Fischaugen auf dem Speiseplan. „Das ist zuerst gewöhnungsbedürftig“, grinst Nicolas, „aber dann richtig, richtig gut.“  Die Menschen seien „zu hundert Prozent darauf bedacht, dass sie selbst, aber auch andere nicht das Gesicht verlieren. Sie sagen vorsorglich andauernd Entschuldigung – egal, was passiert, jeder will die Schuld auf sich nehmen. So hat am Ende keiner mehr schuld...“ 

Während die Einwohner Taiwans durch die Reaktorkatastrophe in Japan laut Nicolas kaum beunruhigt waren, lediglich weniger Fisch aßen, wurden viele Austauschschüler von ihren Eltern nach Hause geholt. Besorgt waren auch Nicolas’ Eltern, die ihren Sohn in Taiwan besucht hatten. Sie informierten sich gründlich, verschafften sich Gewissheit, dass ihm keine Gefahr drohte und entschieden, das Auslandsjahr nicht abzubrechen. Dafür ist Nicolas dankbar. „Es war das beste Jahr meines Lebens, eine unglaubliche Zeit.“

Aus der Sulinger Kreiszeitung vom 12.07.2011

Verfasser: Timpke